„Die Stimme Amerikas – US-Musik in der DDR“ Film und Gespräch mit Michael Rauhut

Amerikanische Musik geriet nach 1945 zwischen die Fronten des Kalten Krieges, wie Michael Rauhut und Tom Franke in ihrem Film „Die Stimme Amerikas – US-Musik in der DDR“  dokumentieren. Die Produktion ist am 20. März 2017 ab 19.30 Uhr in der Stadtbibliothek in Neustadt an der Orla zu sehen. Michael Rauhut wird in den Abend einführen und zum Gespräch zur Verfügung stehen.

Foto Dokfilm

Die Vereinigten Staaten von Amerika besaßen in der DDR einen vielschichtigen Symbolgehalt. Ihren Anhängern galten sie als »Land der unbegrenzten Möglichkeiten«, ein Sinnbild von Freiheit, während die Propaganda zwischen zwei Lagern unterschied: die ›herrschende Klasse‹, die das Prinzip des Kapitalismus auf die Spitze trieb, und das ›einfache Volk‹, die ›Ausgebeuteten und Unterdrückten‹. Sie wurden als »das andere Amerika« gepriesen. Beide Seiten, die Sympathisanten wie auch die Gegner der USA, sahen ihre Idee von der Neuen Welt in den unterschiedlichen Formen populärer Musik gespiegelt. Je nach Perspektive galt sie als dekadent oder erlösend, wurde sie als ideologische Wunderwaffe geschmäht oder spendete sie Kraft. Amerika besaß einen Klang.

Afroamerikanische Musik – Blues, Jazz, Gospel oder Soul – hatte einen besonderen Status. Man entdeckte in ihr die Spuren der Sklaverei, konserviertes Unrecht und Leid, ein Sichauflehnen gegen die Verhältnisse. Während die offizielle Lesart das Protestpotenzial dieser Musik lediglich auf die USA bezog, hörte der nonkonforme DDR-Bürger in ihr einen Kommentar zur eigenen Situation. Heftige Debatten entzünden sich am Jazz, er wird lange Jahre als Sirenengesang des ›Klassenfeinds‹ verteufelt. Die Stimme des fortschrittlichen, »anderen Amerika« entdeckt die Propaganda hingegen in ›schwarzen‹ Volksliedtraditionen. 1960 kommt der Weltstar Paul Robeson als Staatsgast in die DDR, ein »Sänger des Friedens«. Fünf Jahre später tourt Louis Armstrong durch den Osten Deutschlands. Er öffnet so manche politische Tür für den Jazz.

Einen besonderen Platz räumt der Film Etta Cameron (1939–2010) ein. Die afroamerikanische Sängerin kommt 1968 in die DDR und lebt fast fünf Jahre lang im Ostberliner Stadtteil Prenzlauer Berg. In ihrer Wahrnehmung fließen brennglasartig divergierende Amerikabilder zusammen. Weil sie sich simultan in verschiedenen gesellschaftlichen Milieus bewegt, in den Medien genauso zu Hause ist wie im Schutzraum der Kirche, fungiert Etta Cameron als Spiegel konkurrierender Interessen, Visionen und Sehnsüchte.

Michael Rauhut, geboren 1963, studierte von 1984 bis 1989 Musik- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin (HU). Nach seiner Promotion zum Doktor der Philosophie arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Berliner Institut für zeitgeschichtliche Jugendforschung. Weitere Stationen waren das Institut für Musik der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (2006) und die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (2007). Seit 2008 ist Rauhut als Professor für populäre Musik am Institut für Musik der Universität Agder in Kristiansand (Norwegen) und seit 2009 ordentliches Mitglied der Agder Vitenskapsakademi.

Die Landeszentrale für politische Bildung Thüringen setzt mit der Filmreise ihren langjährigen Schwerpunkt zum Verhältnis von Musik, Jugendkulturen und Politik in der DDR fort. Der Filmabend ist eine gemeinsame Veranstaltung der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen, der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und der Stadtbibliothek Neustadt an der Orla. (D. Pfletscher)

Um Voranmeldung wird gebeten Tel: 036481/22901 oder stadtbibliothek@neustadtanderorla.de
Der Eintritt ist frei.

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Published in: on März 9, 2017 at 12:24 pm  Schreibe einen Kommentar  

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